Bibliothek des Büchereivereins Jirásek

Den Grundstock der kurz vor dem Ersten Weltkrieg gegründeten Bibliothek der Tschechoslawischen Sozialdemokratischen Partei bildeten Büchereien der seit Ende des 19. Jahrhunderts in Wien ansässigen tschechischen Arbeiter und Gewerkschafter. Im Jahr 1928 übersiedelte die Bibliothek, die bis dahin in der Gaststätte Vyberal untergebracht war, in einen Raum des Gemeindehauses in der Kreitnergasse 34. Nach zwei Jahren zog sie abermals um, diesmal in das Gemeindehaus in der Ganglbauergasse 10, wo die Räumlichkeiten so groß waren, dass auch Sitzungen und Veranstaltungen abgehalten werden konnten. Am 11. Februar 1934 fand die erste Sitzung des von der Tschechoslowakischen Sozialdemokratischen Partei auch unter dem Druck der politischen Ereignisse gegründeten Bibliotheksvereins Jirásek statt. An den unpolitischen Verein konnte die Bibliothek ebenso wie der Parteibesitz übertragen werden. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Bibliothek als Treffpunkt für Widerstandskämpfer genutzt.
Noch mehrmals musste die Bibliothek während der NS-Zeit und der Nachkriegszeit die Lokalitäten wechseln, bis sie 1961 in Ottakring in der Thalheimergasse 38 untergebracht wurde, wo sie bis zur Übernahme durch das Forschungszentrum für historische Minderheiten ihren Sitz hatte.    

Die Bibliothek Jirásek umfasst rund 6500 Bände. Die Sammlung beinhaltet neben der traditionellen belletristischen Literatur (vornehmlich Editionen der  Zwischenkriegszeit) eine bedeutende Sammlung der tschechischen literarischen Moderne und tschechischer Viennensia. Sie ist zudem untergliedert in eine Jugend- und eine Bildungsbibliothek. 


Zudem hat Ludwig Kolin interessante Bestände bewahrt, die die Tätigkeit tschechischer Theatervereine dokumentieren. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Wien tschechisches Theater, das bis heute ein Laientheater ist. Gespielt wurde in Gasthäusern, in Sälen tschechischer Vereine, Kulturhäusern, nach 1945 auch im Wiener Volkstheater. Auf dem Programm standen nicht nur Stücke in tschechischer Sprache, es wurden auch Werke deutscher, englischer, französischer und russischer Autoren aufgeführt. Das tschechische Theater hatte neben der Funktion der Unterhaltung und Geselligkeit auch die Rolle der Stärkung der Identität und der Förderung und Pflege der tschechischen Sprache. In der NS-Zeit entwickelten sich die tschechischen Theaterabende zum Ausdruck nationaler und kultureller Opposition.