Wiener Tschechen im Ersten Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg wurde durch einen Konflikt mit Serbien also einem slawischen Staat ausgelöst. Der im Bündnis mit Deutschland geführte Krieg richtete sich aber nicht nur gegen Russland, die »Mutter aller Slawen«, sondern auch gegen die westlichen Demokratien der Entente. Damit trat die österreichische Staatsführung in Gegensatz zu der von Tomas G. Masaryk unterstützten Idee der westlichen Demokratien und dem von Karel Kramár verfolgten pro-russischen konservativen Panslawismus. Nur diese doppelte Gegnerschaft konnten das tschechische Volk in seiner Mehrheit gegen das Habsburgerreich einigen. Die tschechische Identifizierung mit der Entente führte letztlich dazu, dass nicht die heimischen Patrioten, sondern die politische Emigration im Ausland die Führungsrolle in der nationalen Politik übernahm.

Das Verhalten der tschechischen Soldaten Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg gehört zu den umstrittensten Themen der Habsburger Monarchie. Die Meinung, die Tschechen seien generell unwillig gewesen, für die Habsburger Monarchie zu kämpfen, war nach 1918 sowohl in Österreich als auch in der Tschechoslowakei weit verbreitet.  Auf deutsch-österreichischer Seite verfestigte sich das Stereotyp vom »falschen Böhm«, dem untreuen und unzuverlässigen Tschechen. Auf tschechischer Seite wurde keinerlei Versuch unternommen, dieses Vorurteil zu entkräften. Im Gegenteil: Die mutmaßlich widersetzlichen Soldaten wurden nach 1918 zu Wegbereitern des tschechoslowakischen Staates und damit zum Bestandteil eines nationalen Mythos umgedeutet. Neuere Studie zeigen allerdings, dass die Legende der generellen Unzuverlässigkeit der tschechischen Soldaten nicht aufrecht zu erhalten ist.

Ziel des Projektes ist es, anhand der Berichterstattung in der sozialdemokratischen Tageszeitung Dělnicke Listy der Frage nachzugehen, wie sich die Wiener Tschechen während des Ersten Weltkriegs gegenüber der Habsburger Monarchie verhalten haben. Bei den Wiener Tschechen war die Entwicklung des tschechischen Nationalbewusstseins nämlich in weitaus geringerem Ausmaß ausgeprägt als in den böhmischen Ländern, waren sie doch in höherem Maße von der deutschsprachigen Mehrheitsgesellschaft abhängig. Dabei geht es allerdings nicht nur um die Positionierung zum Kriegsgeschehen, sondern auch um die Frage, wie die Wiener Tschechen ihr Leben als Minderheit während des Krieges im sozialen Gefüge der Stadt aufrecht erhalten haben. 

Sachbearbeiter: Matej Kundračik, Regina Wonisch